Wer sich eingehender über die Grundwerte "der Asiaten" informieren möchte, dem empfehle ich den folgenden Artikel aus dem ZEIT-MAGAZIN "ZEIT-Punkte" 4/1995 - die meiner Ansicht nach beste zusammenfassende Darstellung der Grundwerte der Kulturen Asiens im Vergleich zu den westlichen Gesellschaften. Genaugenommen gibt es "die Asiaten" gar nicht. Und doch unterscheidet sich ihr Denken fundamental von unserem.

Für die freundliche Genehmigung bedanke ich mich bei Herrn Professor Dr. Oskar Weggel vom Institut für Asienkunde in Hamburg.

Helmut Rasch

 

Hier das Ich, dort das Wir

Von Oskar Weggel

Asien war sich nie einer Zusammengehörigkeit bewußt und darf deshalb wohl als europäische Erfindung gelten. Sieht man einmal von kurzlebigen Integrationsbestrebungen unter Führung Japans während der vierziger Jahre ab, so gibt es auch im 20. Jahrhundert nirgends panasiatische Zielsetzungen, die darauf hindeuten, daß Asien in absehbarer Zeit zu einer Einheit zusammenwachsen könnte. Dies gilt grundsätzlich auch für die Verhaltenskulturen. Bei näherem Hinsehen lassen sich fünf homogene Verhaltenssubsysteme erkennen:

Trotz der kaleidoskopartigen Vielfalt dieser "asiatischen" Welten lassen sich am Ende dann doch Gemeinsamkeiten ermitteln, die einen durchaus panasiatischen Eindruck erwecken: Freilich nicht deshalb, weil sie spezifisch "asiatisch" wären, sondern weil sie so erscheinen müssen, sobald sie mit dem europäischen Wertesystem konfrontiert werden.

Der weitaus markanteste Trennungsstrich verläuft zwischen "westlicher Ich-Bezogenheit" und "asiatischem Ganzheitlichkeits" Denken. Beide Grundhaltungen sind nicht angeboren, sondern anerzogen.

Die Hauptunterschiede im Erziehungsstil bestehen darin, daß das Kind in Europa zu Unabhängigkeit, zur Durchsetzung in Gleichaltrigengruppen und (im Falle von Fehlleistungen) zu Schuldgefühlen angehalten wird, während in Asien die Wechselseitigkeit, das lange Verbleiben im Schoß der Familie und das Schamgefühl im Vordergrund stehen. Eine europäische Mutter warnt das Kind vor Versagen und vor Strafen, eine asiatische Mutter vor Ausgelachtwerden und vor Schande. Hier, auf der europäischen Seite, geht es also um die Stärkung des Ich, dort um die Anpassung ans Wir, hier um Rechte, dort um Pflichten, hier - in weiterer Konsequenz - um juristische, dort um "anständige" Lösungen ("man geht nicht vor Gericht, sondern verhandelt!"), hier um Konflikt-, dort um Harmoniefähigkeit (und sei es um Harmonie bis aufs Messer!), hier um die "Sache", dort ums "Gesicht".

Ein (westlicher) Individualist schätzt Gleichheit und Spontanität, ein "Asiate" achtet auf Hierarchie, liebt Rituale und haßt unberechenbares Verhalten Der Egozentriker braucht ferner mehr Raum und soziale Distanz als der "Konformist", und er hat auch ein anderes Verhältnis zur Zeit: Während unangemeldete Besuche in Europa meist als Störung des Terminablaufs empfunden werden, gelten sie in Asien eher als Chance für verstärkte Kommunikation, da ja nicht die Sache, sondern das Zwischen-Menschliche Vorfahrt hat!

Zeit gilt nach asiatischem Verständnis nicht als geradlinig verlaufend, sondern als kreisförmig, so daß der Augenblick nichts Einmalig-Individuelles an sich hat. Time ist also ganz gewiß nicht money. Eher unterscheiden die Asiaten hier - vergleichbar den alten Griechen - zwischen chrónos und kairós: Das eine ist die Verlaufsform, die mit der Uhr gemessen wird, das andere die "Fülle der Zeit", die sich um glückliche Festtage oder um horoskopisch günstige Augenblicke herum ansammelt: Daher auch die Vorliebe fast aller Asiaten für Kalenderdeutungen, Geomantik und Handlesen.

Wer das Ich betont, liebt den direkten Stil der Kommunikation, kommt ohne Umschweife zur "Sache", drückt sich präzise aus und spricht erforderlichenfalls auch schon einmal "deutsch", während der ganzheitlich erzogene Asiate erst einmal die Atmosphäre anzuwärmen versucht, ehe er zum Thema kommt, in seinen Formulierungen lieber etwas wolkig und zurückhaltend bleibt, nach Möglichkeit nie aus der Haut fährt und - im Interesse der "situativen Wahrheit" - niemals ein Nein in den Mund nimmt. Wenn Asiaten Ja sagen, so kann dies Ja, Vielleicht oder Nein heißen.

Auf die Frage, was Philosophie sei, antwortete Immanuel Kant mit der dreigestaltigen Gegenfrage: "Was kann ich wissen, was muß ich tun, was darf ich hoffen?" Roter Faden ist also, wieder einmal, das Ich. Mit diesem Ego aber setzen für Asiaten - über Subkulturgrenzen hinweg - die eigentlichen Fragen überhaupt erst ein: Der Hindu fragt: Ich? Gibt es mich überhaupt oder bin ich als atman (Einzelseele) nicht immer schon ein unabtrennbarer Teil des brahman (der Weltseele)? Der Konfuzianer fragt: Wie kann aus dem Ich ein Wir werden? Der islamisch-javanische Gläubige schließlich will wissen, was Allah von ihm, seinem Sklaven, wünscht.

Auch politische Macht hat im ganzheitlichen Verständnis der Asiaten stets eine übernatürliche Dimension: Sie gilt keineswegs als Folge der Geschicklichkeit, der finanziellen Potenz oder des Charismas einer Einzelperson. Vielmehr sind all diese Eigenschaften gerade umgekehrt Konsequenzen einer ominösen Machtverleihung durch den Himmel, durch einen Hindugott oder durch Allah. Ein Politiker kann ähnlich "elektrisch geladen" sein wie ein heiliger Berg, ein heiliger Fluß oder ein heiliger Baum. Macht ist immer gut, falls sie gelingt; kein Wunder, daß man in Asien meist gerne gehorcht und politischen Querdenkern sowie Menschenrechtsverfechtern häufig mit Mißtrauen begegnet.

Ebenso handfest wie die Gemeinsamkeiten sind freilich auch die Unterschiede zwischen den asiatischen Subkulturen. Dies sei anhand zweier Bereiche dargestellt, in die auch ein Europäer leicht Einblick gewinnen kann, nämlich der Organisations- und der Wirtschaftsweise.

Am auffälligsten ist der Unterschied zwischen sogenannten "straff" und "lose organisierten Gesellschaften": auf der einen Seite die konfuzianisch geprägten Völker wie Chinesen, Japaner, Koreaner und Vietnamesen, deren einzelne Gruppen durch Bluts- und Loyalitätsbande dicht miteinander verknüpft sind und leicht zum Staat im
Staate werden können, auf der anderen Seite die Thais, Kambodschaner, Malaien, die bemerkenswert partikularistisch ausgerichtet sind und meist ihren eigenen Weg gehen.

Noch auffälliger sind die Unterschiede im Wirtschaftsverhalten: Während Leistungswille, Profitorientierung und Unternehmertum im theravadabuddhistischen Asien karma-mindernd wirken, weil sie Lebenshunger und Verblendung immer neu entfachen und damit religiösen Grundgeboten zuwiderlaufen, setzt die konfuzianische Welt seit zweitausend Jahren auf Prüfungswettbewerb, betrachtet Wohlhabenheit als ermutigendes Zeichen des Himmels und hat auch gegen wirtschaftliche Initiative nichts einzuwenden.

Auch Korporativität, das beißt enges Zusammenwirken im Dreieck zwischen "Kapital, Arbeit und Bürokratie" sind in der konfuzianischen Welt Alltagserscheinungen, gehören in der "lose strukturierten" theravadabuddhistischen und malaio-islamischen Sphäre aber zu den Ausnahmen - ebenso übrigens wie die Tugend der Sparsamkeit: Der Gläubige legt sein Geld dort nicht produktiv, sondern eher konsumtiv an, indem er (durch Opfer und Stiftungen) religiöses Karma erwirbt oder häufig selamatans ausrichtet - jene islamisch-animistisch motivierten Gastmähler, die bei jedem noch so geringfügigen Ereignis zu veranstalten sind und die jedesmal tiefe Löcher ins Haushaltsbudget reißen.

Die konfuzianische Wirtschaftswelt ist frei von religiösen Tabus. Es gibt hier keine (hinduistischen) Berufsverbote, keine (malaio-islamischen) Zins-, Monopol- und Versicherungsverbote und keine (theravadabuddhistischen) Schranken gegen "Profitgier". Jahrhundertelang kannte man hier nur ein einziges, höchst säkulares Tabu, nämlich die Unantastbarkeit des mandarinären Machtmonopols, das mit einem niemals nachlassenden Mißtrauen gegen mögliche Aufsteiger und Konkurrenten - vor allem aus dem unternehmerischen "Mittelstand" - verbunden war. Freilich scheint es, als ob dieses Tabu in Japan und in den Vier-Tiger-Ländern längst beseitigt wäre - und mittlerweile sogar in der Volksrepublik China dahinzuschwinden beginnt.